Das Gespräch: Tony Figueira

geführt von Heiko Denker

Tony Figueira, bekannt durch seine Fotografie und seine journalistische Arbeit während der denkwürdigen Tage um die Unabhängigkeit Namibias, doch da ist viel mehr. Geschäftsmann, Autoschlosser, Lackierer, Lehrer, Ehemann, Vater, Freund, um nur ein paar „Eigenschaften“ zu nennen. Heiko Denker hat sich für Felsgraffiti mit Tony getroffen und sich mit ihm über sein Leben und Schaffen unterhalten. Sie haben sich so gut unterhalten, dass die Übergänge zwischen „du“ und „Sie“ irgendwann fließend waren.

HD: Tony, Sie sind als Journalist und Fotograf bekannt, doch einige Jahre lang haben Sie eine Reparatur- und Panelbeater-Werkstatt geleitet, wo ist da der Zusammenhang?

TF: Ich habe Journalistik und Medienwissenschaft an der Rhodes University in Grahamstown, Südafrika studiert. Als ich nach dem Studium zurück nach Namibia kam, stand der Wehrdienst an, es war Pflicht. Wie damals so üblich hatte ich seit dem 16. Lebensjahr die Aufforderung zum Ableisten meines Wehrdienstes bekommen, durch Schule und dann Studium konnte ich natürlich immer die Freistellung erhalten. Jetzt aber wurde es ernst.

Ich war total dagegen, wie konnte ich als ein Kind aus Angola gegen Angolaner kämpfen? Außerdem war ich der Meinung, dass Südafrika nicht der ‚rechtmäßige Eigentümer‘ des Landes war. Also sagte ich mir: „Auf keinen Fall werde ich zur Armee gehen!“

Was macht man in so einem Fall? Es ihnen mitteilen, und zwar persönlich! Ich ging also zum Büro der Army, wo ich, nach längerem Hin und Her, im Büro von Oberst Van der Berg ankam. Ich erklärte mein Anliegen und meine Position, worauf sie antwortete: „Ich kann Sie voll verstehen.“ „Was?“, dachte ich mir. Sie empfahl mir zu einem Advokaten mit Namen Dave Smuts zu gehen. Bald war ich bei Dave Smuts, erzählte ihm, dass ich den Wehrdienst verweigern würde, ich das persönlich bei der Armee angesprochen hatte und Oberst Van der Berg mich zu ihm geschickt hat. Ihm gefiel das Ganze, er meinte, dass das ein interessanter Fall sei. Die Armee hat dann drei Jahre immer einen technischen Fehler in ihren Falldokumentationen gemacht und so wurde ich Jahr auf Jahr weiter freigestellt.

Es waren die Tage vor der Unabhängigkeit, Veränderung lag in der Luft. Das Gefühl, dass etwas passieren würde, war nicht zu leugnen; Namibia stand im Fokus der Vereinten Nationen. Ich habe schon immer gerne geschrieben und erkannte, dass ich zusammen mit der Fotografie die kommende Unabhängigkeit dokumentieren könnte. Ich vermutete, dass da ein interessanter Markt für mich vorhanden sein würde und so kam es, dass ich bald für verschiedene internationale Organisationen arbeitete. Ich konnte zu einem Event gehen und damit aber gleich drei oder vier Berichte verkaufen, diese natürlich aus verschiedenen Perspektiven geschrieben, mit unterschiedlichen Lesern als Zielgruppe, mit Fotos aus unterschiedlichen Winkeln, aber letztendlich die gleiche Story mehrfach. Mit anderen Worten – Geld zu verdienen war einfach! Wenn ich jetzt zurückschaue, dann war das die Zeit, in der ich mich als Fotograf weiter entwickelte und spezialisierte. Ich habe gut verdient, viel gelernt. Man muss auch bedenken, dass es damals noch kein Internet mit Facebook etc. gab. Die Zeitung und das Radio hatten eine ganz andere Bedeutung.

Mein Vater wollte damals, dass ich im Familienbetrieb arbeitete und ich half hier und da, vor allem, da seine Englischkenntnisse nicht so gut waren; doch die journalistische Arbeit war mein Haupteinkommen.

Nach drei Jahren schaffte es die Armee meine Papiere zu korrigieren, es schien keinen Ausweg mehr zu geben. Ich hatte mich meinem Schicksal gefügt, meine Taschen gepackt und war bereit, eingezogen zu werden. Am Tag bevor es losgehen sollte, kam wieder ein Schreiben, sie hatten den Dienst nochmal um ein Jahr ausgesetzt! Ich nahm es hin, dachte mir dabei aber „jetzt habt ihr einen großen Fehler gemacht, jetzt werdet ihr mich nie bekommen!“

Doch die Sache wurde eng. Dave erklärte mir, dass ich zwei Möglichkeiten hätte: Erste Option, die journalistische Arbeit als Nebenberuf zu betreiben und voll in den Familienbetrieb einzusteigen. Wenn fünf oder mehr Menschen ihren Lebensunterhalt in einem von mir geführten Betrieb verdienten, dann könnte ich um den Wehrdienst herumkommen. Zweite Option: das Land verlassen! Der Familienbetrieb, Godinho Auto Body Repairs, hatte damals mehr als dreißig Angestellte, also den Anforderungen nach genügend. Ich hatte nie die Intention in dieser Industrie mein Lebensunterhalt zu verdienen, aber ich hatte gerade geheiratet und die journalistische Arbeit würde so auch nur zeitlich begrenzt weitergehen. So kam es dann, dass ich voll in unseren Familienbetrieb eingestiegen bin.

 

Manchmal im Leben trifft man Menschen, die mit ihrer Einstellung, Energie und Ausstrahlung einen gewaltigen Eindruck machen. Miss Namibia 2016, Steffi van Wyk, ist so eine Person; attraktiv, voller Lebensfreude und Charisma. Ich fotografierte Steffi in den Namib-Dünen, berstend vor Lebensfreude, während ihrer Vorbereitungen auf einen Wettbewerb in China.

HD: Also kann man sagen, dass die Umstände Sie gezwungen haben, nicht in Ihrem erlernten Beruf zu arbeiten und stattdessen in den Betrieb einzusteigen. Vom Journalisten und Fotografen zum Panelbeater. Haben Sie den Betrieb geleitet?

TF: Ich habe alles gemacht, habe mich durch Kurse weitergebildet, bin ein Lackierer (Spraypainter) geworden, wurde zum Experten in jedem Bereich des Geschäftes. Wenn man über 40 Angestellte hat, muss man sich mit allem auseinandersetzen; organisatorisch ist so eine Werkstatt bestenfalls ein Albtraum und das auch nur, wenn alles gut geht.

 

HD: Das zeigt, dass Sie, wenn Sie etwas anpacken, es dann richtig tun!

TF: Ja, ich habe sicherlich etwas von einem „Kontrollfreak“ in mir. Wenn ich etwas mache, dann will ich sichergehen, dass ich es gut gemacht habe. Außerdem war nicht alles negativ in dieser Zeit. Ich hatte schon Spaß in der ‚Autoindustrie‘, ich liebe Schrottplätze, ich liebe Autos und arbeite gerne mit meinen Händen; es war super zu lernen, wie ein Auto funktioniert, wie es aufgebaut ist. Ich wusste irgendwann mehr über Autos und wie sie funktionieren, als über die Fotografie! Außerdem habe ich ja das ganze Geschäft geleitet, gelernt, wie man wirtschaftlich arbeitet, wie man einen Betrieb führen muss. Ich hatte mich voll reingehängt, denn ich wusste, dass dies für eine Weile mein Leben sein würde. Doch irgendwann hatte ich genug; mir war klar, dass es nach 14 Jahren Zeit war, mich vom elterlichen Geschäft zu trennen. Natürlich ist es nie leicht aus einem Familienbetrieb auszusteigen, vor allem in einer portugiesischen Familie! Mein Vater hatte von Anfang an die Einstellung, dass Fotograf kein Beruf war, so nach dem Motto: „Was willst du werden, Fotograf? Naja, wenn es sein muss, studiere das mal, aber dann kommst du zurück und arbeitest bei mir!“ Es war ein harter Einschnitt!

 

HD: Ist daraufhin Studio 77 entstanden?

TF: Noch nicht gleich. Eigentlich wusste ich nicht, wie es weitergehen sollte. Ich hatte eine gute Kameraausrüstung, war inzwischen geschieden, hatte eine Tochter und vor mir lag nur Ungewissheit.

Dann war ich in Kapstadt zu Besuch bei Gabi, meiner jetzigen Frau. Die große Frage, die ich mir selbst stellte, war: „Was werde ich wohl als Nächstes machen? Ich habe keine Arbeit, ein bisschen Geld auf der Bank, aber das möchte ich eigentlich für eine extra Kameraausrüstung verwenden, vielleicht um mir ein Studio zusammenzustellen.“ Wir waren auf dem Weg zu Freunden, als ich zu Gabi sagte: „Ich denke, ich weiß, was ich machen werde: in Angola arbeiten, vielleicht für ein Jahr, nicht an einem Stück, sondern so, dass ich zwischendurch Gina, meine Tochter, sehen kann.“

Als wir bei den Freunden ankamen, bekam ich einen Anruf von Richard Pakleppa. Wir waren gute Freunde, aber ich hatte Richard seit acht Jahren nicht gesprochen.

Du wirst es nicht glauben, aber der fragte mich: „Hättest Du Interesse für eine Weile mit mir in Angola zu arbeiten?“ Meine Güte, wer hatte mir da gerade zugehört?

So kam es, dass ich ein Jahr in Angola gearbeitet habe. Es waren interessante Zeiten, kurz nach dem Tod von Savimbi, noch sehr viel Unsicherheit; jemand mit Kamera wurde gleich als eine Gefahr eingestuft. Wir wurden oft festgenommen, ich habe den Überblick damals verloren, vielleicht an die 17 Mal? Manche der Situationen waren haarsträubend, andere recht gewöhnlich. Die Menschen lebten in Angst, eine Kamera erhöhte diese Angst noch um ein Vielfaches.

Auch fotografisch hatte ich Neuland betreten. Hans Rack hatte mein Interesse für digitale Fotografie geweckt. So saß ich mit einer mir unbekannten Kamera, einem Apple MacBook und ohne Photoshopkenntnisse im Flugzeug nach Angola!

 

Für einige Jahre dokumentierte ich Aspekte des angolanischen Bürgerkriegs, vor allem Zivilisten, die trotz der unerträglichen Bedingungen versuchten ein normales Leben zu führen. Dieser angolanische Mann saß in seiner Hütte, als er mich ankommen hörte. Ich schoss das Bild, als er aus der Tür spähte, um zu sehen, was los war.

HD: Angola war sicherlich voller interessanter Menschen und Geschichten, doch zurück zu Studio 77 – wie hat alles angefangen?

TF: Mit meinem Freund, dem Naturfotografen Hans Rack, plante ich ein Studio. Um uns ein Bild zu machen, gingen wir zu allen Werbeagenturen, fragten nach, was diese von der Idee hielten. Wir waren bei Mark Bongers von DV8, der war begeistert und meinte, dass es dafür auf jeden Fall einen Markt gäbe. Wir wollten am Anfang nicht so viel Geld ausgeben und fragten, ob er Kenntnis von geeigneten Räumlichkeiten für ein Studio hätte. „Ich kann euch günstig etwas anbieten, allerdings nur für ein Jahr“, war seine Antwort und so wurde Studio 77 aus der Taufe gehoben.

 

HD: Aller Anfang ist schwer, wie ging es weiter?

TF: Ich habe im ersten Jahr die meiste Arbeit für Studio 77 selbst geleistet, da Hans durch seine Firma, Paco Engineering, sehr in Anspruch genommen wurde. Als nun ein neuer Standort gefunden werden musste, standen ein paar größere Entscheidungen an – Hans war unsicher, ob er weitermachen wollte. Ich fand einen Raum für uns in der Alten Brauerei, sagte zu Hans: „Du hast bis morgen früh Zeit Dich zu entscheiden, entweder machst Du weiter mit, oder Du bist raus. Wie auch immer Du Dich entscheidest, es hat nichts mit unserer Freundschaft zu tun – Freunde bleiben wir, was auch kommt!“ Er rief am nächsten Morgen an, „bin nicht mehr dabei“. Das war kein Problem für mich, denn jetzt konnte ich loslegen, das Studio so gestalten, wie ich es wollte.

 

HD: Was war der Geschäftsplan (dahinter), wie wolltestDu weitermachen?

TF: Ich hatte es in umgekehrter Reihenfolge angepackt, es gab keinen Geschäftsplan, sondern nur das Studio. Da saß ich in dem Raum, mit dem Rücken gegen eine Wand, der Raum war so groß, so leer und ich fragte mich: „Mein Gott, was mache ich jetzt mit dem Platz? Wie werde ich die Miete bezahlen?“ Ich bin ein Mensch, der an mehr glaubt, als an das, was man sehen kann, da sind Zusammenhänge, Fügungen. Ich saß da alleine mit meinen Gedanken und herein kam Aldo Behrens. Er sagte: „Wow, was ist das hier, was machst du mit dem Raum?“ „Ich weiß noch nicht so genau was, aber ich werde schon etwas daraus machen!“, war meine Antwort. „Komm, lass uns zusammen frühstücken“, meinte Aldo und gleich darauf saßen wir in einem Restaurant und konzipierten die Neufassung des Bank Windhoek Arts Festivals.

So kam es, dass Studio 77 mit Kunstausstellungen, Modeschauen, Filmvorführungen und vielem mehr ein fester Bestandteil des Festivals wurde. Wir sind kreative Geschöpfe und man kann so viel machen.

Dadurch entwickelte sich das Studio zu weit mehr, als nur zu einem Fotostudio. Der Raum wurde vielseitig genutzt und schon bald kamen Leute vorbei und fragten: „Können wir den Raum hier für eine Veranstaltung nutzen?“ Erst war ich oft skeptisch gegenüber solchen Besuchern, doch dann war meine Antwort meistens: „Ja, warum nicht“. So kann ich im Nachhinein sagen: „Es gab zwar keinen Geschäftsplan, aber da war ein Raum und Windhoek hatte ihn angenommen.“

 

HD: Ein sehr faszinierender Werdegang! Sie haben sicherlich sehr interessante Persönlichkeiten in dieser Zeit als Journalist und Fotograf kennengelernt und dokumentiert. Wer beeindruckte Sie am meisten?

TF: Nelson Mandela war sehr beeindruckend. Ich habe ihn einige Male fotografiert, er war ja zur Unabhängigkeitsfeier in Namibia. Dann hatte ich das Glück ihn bei einer Gedenkfeier auf Robben Island zu erleben. Ich war mit der NBC da unten, Toivo ya Toivo war mit dabei, er war ebenfalls eine Zeit lang auf Robben Island inhaftiert gewesen. Das Interessante war, dass Sol Kerzner die Insel kaufen wollte, um dort ein Hotel zu bauen, natürlich waren alle ehemaligen Gefangenen entrüstet, doch das nur nebenbei.

Die Umgebung auf der Insel, die ehemaligen Gefangenen – eine besondere Stimmung lag in der Luft. Mandela zeigte dort eine ganz außergewöhnliche Geste. Als er nach der Veranstaltung zu dem Auto ging, das ihn zum Helipad bringen sollte, standen tausende Menschen um uns herum. Mandela wollte gerade einsteigen, als eine Stille über die Menge fiel und dann plötzlich die schrille Stimme einer Frau von der anderen Seite des Fahrzeugs ertönte: „Mandela, I love you!“

Weißt Du, was Mandela gemacht hat? Er ging ums Auto, und signalisierte den Sicherheitsleuten ein „Okay“. Dann lief er zu der Frau und hat sie fest in die Arme geschlossen! Ich stand ziemlich nahe dran an den Beiden, mein Gott, es war einfach unglaublich. Emotion pur! Die Menge war sprachlos. Solche Gesten lassen jemanden wie Mandela herausragen, machen ihn einmalig!

Nujoma ist auch so eine Persönlichkeit, seine Gegenwart füllt einen Raum! Ich hatte das Glück, auch mit ihm viel Zeit zu verbringen. Nach der Unabhängigkeit habe ich ihn womöglich am häufigsten dokumentiert, war ein ganzes Wochenende in seinem Haus, habe ihn am Strand fotografiert. Er hat Charisma und hat die Epoche entscheidend geprägt.

 

Jedes Leben wird von kleinen und großen Krisen begleitet, oftmals lebensbedrohenden. Wie solche Krisen angepackt werden, sagt Vieles über eine Person aus. Bei Tony wurde 2010 Krebs diagnostiziert, so etwas betrifft die ganze Familie und so ist Gabi Figueira zu dem Gespräch dazu gekommen.

 

HD: Tony, im Jahr 2010 ereilte Sie ein schwerer Schicksalsschlag: die Diagnose Krebs! Wie war das damals?

TF: Ich war immer ein sehr gesunder Mensch, doch irgendetwas war nicht in Ordnung mit mir.

Es wurde immer schlimmer, drei, vier Monate mit immer stärker werdenden Schmerzen, bis ich fast nicht mehr gehen konnte! Ich habe mich einer Vielfalt von Therapien unterzogen, von Physiotherapie bis zu Akupunktur. Sechs oder sieben verschiedene Ärzte aufgesucht. Da ich eigentlich super fit war, mich immer viel bewegt habe, mit den Schmerzen noch halbwegs gut umgehen konnte, haben mich die Ärzte angesehen und oft gesagt: „Schau dich an, fit, agil, Du bist gesund!“

Ich dachte dann: „Wie ist das möglich, ich kann mich kaum noch bewegen!“

Es wurde so schlimm, dass ich fast nur noch gelegen habe. Schließlich wurde ein CT-Scan gemacht. Es war an einem Mittwoch im August, der Tag vor dem Heldentag.

GF: Der Arzt war schockiert, schien nicht sprechen zu können, sah für fünf bis zehn Minuten regungslos auf den Scan, lange Minuten! Dann die niederschmetternde Diagnose: Krebs!

Vor einigen Jahren war ich im Norden Namibias auf einem UNICEF-Fotoshooting. In einer der Pausen versuchte ich mich mit einem der anwesenden Kinder anzufreunden.

TF: Die Situation war extrem düster, mein Rücken konnte anscheinend jeden Moment zusammenbrechen und ich wäre gelähmt gewesen. Es sollte sofort operiert werden. Doch da der Donnerstag ein Feiertag war, hatte der Arzt ein langes Wochenende eingeplant und so wurde die Operation für den darauffolgenden Montag angesetzt. Die Prognose war erschütternd, mir wurde keine Hoffnung gemacht. Meine Lebenserwartung wurde auf drei Monate geschätzt. Wenn dir so etwas erzählt wird, wie fühlst Du Dich?

 

HD: … am Boden, sprachlos, hoffnungslos? Es ist also ein Problem, wie Ärzte diese Perspektiven übermitteln?

GF: Genau, es war furchtbar, einfach schrecklich! Ich bin eine Person, die nach Lösungen sucht, die eine Situation nicht einfach hinnimmt. Es musste doch etwas geben. Ich stellte dem Arzt einige Fragen. Der sah mich an, als ob ich von einem anderen Planeten gestiegen wäre, so nach dem Motto: „Was willst Du, hörst Du mich nicht, verstehst Du mich nicht? Was ich gesagt habe, ist, wie es ist! Wir können euch keine Lösung anbieten, es gibt keine Lösung! Es ist Krebs!“

TF: Wir wussten es natürlich nicht besser. Ich wusste nicht einmal, wie man „Multiples Myelom“ buchstabiert, geschweige denn, was es ist und was es bedeutet!

So waren wir an diesem Feiertag in einem totalen Schockzustand bei uns Zuhause; mit der Perspektive einer langen Operation, die für den darauffolgenden Montag angesetzt war. Doch irgendwann regte sich das Leben in mir, tauchte ich aus dem Schock auf. „Niemals, das kann nicht sein, ich brauche eine zweite Meinung, es kann nicht so schlecht um mich bestellt sein!“

GF: Manchmal wird einem eine vorteilhafte Fügung des Schicksals im Leben zu Teil. Hier war also der Heldentag, ich erinnere mich, als wäre es gestern, Tony saß draußen auf der Veranda auf dem Sofa und rief: „Weißt Du was, ich will eine zweite Meinung!“

Ich habe lange in Kapstadt gelebt, kannte dort ein paar Ärzte, außerdem gibt es ja auch noch Google. Ich begann zu suchen. Schau hier, ein Professor in Kapstadt, er ist Experte für Rückentumor-Operationen, lass uns den einfach mal anrufen! Wir riefen an, es war ja kein Feiertag in Südafrika. Die Empfangsdame sagte: „Der Doktor ist hier, warum sprechen Sie nicht einfach mit ihm?“ Also hat Tony mit ihm gesprochen und seine Situation beschrieben. Der Neurochirurg sagte: „Ich bin Spezialist auf diesem Gebiet, kommen Sie in meine Sprechstunde, ich könnte Sie am kommenden Montag um vier Uhr sehen.“

Der Norden Namibias ist ein Paradies für Shebeens mit den abgefahrensten Namen. „Just another life bar” – ohne Worte.

TF: Also bin ich am Montag nach Kapstadt geflogen. Tatsache ist, dass die hiesigen Ärzte eine neunstündige Operation vorgeschlagen hatten. Sie wollten einen Wirbel entfernen, meine Wirbelsäule kürzen, eine Platte einfügen, die Muskeln wieder zusammenbringen. In mir kreiste der Gedanke: „Ist das wirklich nötig, ist die Situation so endgültig, ist dieser schwere Eingriff die einzige Möglichkeit?“

Um vier Uhr war ich beim Neurochirurgen. Der sah sich den CT-Scan eine Weile an, sagte dann: „Es ist bei Weitem nicht so ernst, wir brauchen den Wirbel nicht herauszunehmen“. Er fertigte mir eine Skizze an, erklärte seine Vorgehensweise und sagte, dass er die Operation schon oft durchgeführt habe. Er war positiv gestimmt, gab mir Hoffnung. „Wir werden den Tumor rausholen, das meiste von dem Wirbel können wir so belassen, zwei Pins werden eingesetzt, Sie werden wieder okay sein, was Sie haben, kann auf jeden Fall behandelt werden!“

Hoffnung! Erleichterung! Selbst wenn er lügen würde, war es besser, als das, was mir der Arzt in Windhoek erzählt hatte, der ja meinte, dass ich in den nächsten drei Monaten sterben müsste!

Fast nebenbei fragte Professor: „Wann können wir operieren?“

„Was, besteht da nicht eine große Eile?“

„Nein, nächste Woche vielleicht – wie es Ihnen passt, bis wann bleiben Sie hier?“

„Nun, das hängt von Ihnen ab.“

„Okay, lassen Sie uns nichts überstürzen, wie wäre es denn Ende der Woche, vielleicht am Freitag?“

Es war alles so einfach, so unkompliziert, so positiv. Freitagmorgen war meine erste OP, anderthalb Stunden später war sie vorüber, am Nachmittag bin ich schon wieder gelaufen und habe am nächsten Morgen sogar geduscht! Am Montagmorgen wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen.

GF: Der Professor war so freundlich und hilfreich, wir hatten das Gefühl, dass wir in seinen Händen gut aufgehoben waren!

TF: Die ganze Erfahrung war rundum positiv. In Namibia hatte ich bei Arztbesuchen immer das Gefühl: „Wir sind so beschäftigt, wir haben keine Zeit für Dich. Rein, raus“. Ich denke oft, dass die medizinische Gemeinschaft in unserem Land den „Plot“ verloren hat. Die Ärzte sind so erpicht darauf allen zu helfen, doch sie schaffen es einfach nicht.

GF: Was wir bald erkannt haben ist, dass jeder selbst die Verantwortung für seine Genesung übernehmen muss. Verantwortung für den eigenen Körper, die eigene Situation. Ja, Ärzte sind gut in dem, was sie machen, in einem Notfall, bei Traumata. Doch wenn sich eine chronische Situation entwickelt hat, dann sollte man sich breiter informieren, viele Möglichkeiten in Erwägung ziehen. Ärzte beschäftigen sich über Jahre nur mit einem, nämlich mit Krankheiten und nicht mit der Gesundheit! Auch nicht mit der Erhaltung von Gesundheit! Deswegen sehen sie nur die Krankheit und das, was sie darüber gelernt haben. Das kann man Ihnen auch nicht vorwerfen; es ist eben das, womit sie sich auskennen.

TF: Außerdem, kann eine einheitliche Behandlungsmethode bei unterschiedlichen Menschen auch immer gleich wirksam sein? Jeder Mensch ist doch anders, sollte es dann nicht auch viele verschiedene Ansätze geben? Es kann schließlich nicht sein, dass bestimmte Krankheiten bei allen Patienten mit der gleichen Methode behandelt werden, so nach dem Motto „alles umbringen und hoffen, dass der Kranke überlebt.“

GF: Man muss selbst suchen, suchen, suchen – die Spreu vom Weizen trennen und den Mut haben, Verschiedenes zu testen. Da draußen gibt es so viele Möglichkeiten.

TF: Krebs verändert Dein Leben, das Leben Deiner Familie. Wenn der Krebs in Deinem Haus ist, ist es fast so, als ob Du ein neues Familienmitglied hast, und Du musst dieses Familienmitglied lieben lernen – das ist das Verrückte dabei. Du kannst nicht zum Krebs sagen: „Ich hasse dich.“ Er ist da, er ist in meinem Körper, ich muss damit umgehen. Lass mich die Situation irgendwie anpacken. Wie mache ich das?

Es ist jetzt einfacher darüber zu sprechen, da sich die Situation sehr verbessert hat. Es hätte auch andersherum sein können, ich könnte jetzt ja gar nicht mehr hier sein.

Doch in den kritischen Punkten – wessen Rat nimmt man an, wie kann man die verschiedenen Möglichkeiten am besten beurteilen? Was mache ich? Wie weiß ich, an welcher Stelle ich mich genau befinde? Gibt es wirklich Antworten darauf?

Wenn ich weiter leben möchte, dann muss ich einen bestimmten Lebensstil beibehalten, eine angemessene Diät einhalten. Die Diät ist so entscheidend, doch welcher Arzt sagt Dir das?

 

Aus der Arbeitsperspektive ist die Modedesignerin Ina Maria eine meiner Lieblingsmodelle; immer waghalsig und auffallend. Ina und ich gingen auf den Straßen von Katutura auf die Suche nach einem außergewöhnlichen Hintergrund für ein unkonventionelles Shooting. Dieses Foto zeigt Ina in einem Outfit, hergestellt aus Autoreflektoren.

HD: Das sind sehr interessante Punkte, die für uns alle Gültigkeit haben! Doch es gibt ja immer wieder Rückschläge, Sie haben sich irgendwann im Schlaf das Bein gebrochen?

GF: Trotz der ersten düsteren Prognose ging es eine Zeit lang recht gut. Tony wurden im Jahr 2010 noch drei Monate Leben vorausgesagt, inzwischen war es aber schon 2014 geworden. Wir haben uns nach der anfänglichen Chemotherapie vollkommen alternativen Behandlungsmöglichkeiten zugewendet. Immer, wenn Tony seine Ärztin in Windhoek sah, war sie sehr erstaunt, wie gut es ihm ging.

TF: Meine Situation hatte sich in diesen vier Jahren sehr verbessert, ich arbeitete ganz normal.

GF: 2014 kam dann ein Rückschlag, Tony hatte sehr oft starke Schmerzen in seinem Bein. Im September ging Tony endlich zum Arzt und die Röntgenaufnahmen zeigten ein beträchtliches Loch in seinem rechten Femur.

TF: Ich wusste, dass ich ein großes Problem mit meinen Knochen hatte, gleichzeitig aber wollte ich nicht die Chemo-Route gehen. Ich hatte es einmal versucht und hatte genug davon. Außerdem gibt es einen Moment an dem man sich fragt: „Was ist besser für mich, ein Jahr mit akzeptablem Lebensstil und dann weg sein, oder noch fünf Jahre mit beschissenem Lebensstil?“

GF: Wir hatten zu dem Zeitpunkt unseren Lebensstil noch nicht groß verändert, die Diät ja, aber arbeitsmäßig waren wir noch voll dabei; Tony hat wieder sehr hart gearbeitet. Dann, am 25. November, mitten in der Nacht, ist das Bein gebrochen.

TF: Heiko, das Irre war, dass ich zwar große Schmerzen hatte, aber trotzdem die verrücktesten Dinge gemacht habe. Zwei Monate vorher kletterte ich oben auf Lastkraftwagen herum, einen Monat vorher war ich im Sossusvlei zu einem Fotoshooting, eine Woche davor war ich als Fotograf bei einer Hochzeit.

GF: Tony hat nicht auf die Schmerzen gehört! Sein Radiologe hatte ihm gesagt: „Wenn das Bein bricht, ist das sehr ernst!“ Er hatte nicht gehorcht und so standen dann zwei Wochen im Krankenhaus an. Durch den ganzen Kalk im Körper waren seine Nieren stark angegriffen, Tony musste erst mal stabilisiert werden, bevor eine Operation in Frage kam. Die Operation war letztendlich sehr erfolgreich. Der orthopädische Chirurg leistete außergewöhnliche Arbeit, er meinte, dass es die größte Operation war, die er je gemacht hatte, so schlimm war der Bruch. Außerdem meinte er: „Ich bin nicht sicher, ob Tony jemals wieder ohne Rollstuhl zurecht kommen wird, ich kann nichts versprechen. Hoffentlich wird er ohne Schmerzen sitzen können, selbst da kann ich aber keine Versprechen machen.“

Wir waren nur froh, dass Tony am Leben war, dass die meisten Schmerzen weg waren. Doch wussten wir auch, dass sich unser Leben jetzt drastisch ändern musste. So ging es direkt aus dem Krankenhaus nach Swakopmund.

 

HD: Wenn ich so zuhöre, denke ich mir, dass man als Außenstehender nur sehr begrenzt verstehen kann, was genau in Jemandem in so einer Lage vorgehen muss. Wie fühlt man sich, wenn man mit Krebs konfrontiert wird?

TF: Es ist ein Riesentest, ein absoluter mentaler Angriff, wow!

GF: Man muss zu etwas greifen, was einem die Erdung zurückgibt. Wenn da keine Erdung ist, ist man verloren.

TF: Man muss das fundamentale Etwas finden, ich kann nicht genau sagen, was das ist, es ist auch von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Es kommt auch darauf an, ob man als Individuum mit Krebs konfrontiert wird oder aber Halt in der Familie findet, also in einer starken Gemeinschaft. Eine Person kann das schwer alleine durchstehen.

GF: Vor allem, wenn man einen alternativen Weg gehen möchte, oder einen alternativen Weg zusätzlich zu dem allopathischen einschlägt. Allopathisch, sprich Schulmedizin, ist „leicht“, du gehst zur Chemo oder Bestrahlung, nimmst Tabletten und gehst nach Hause. Doch dein Körper braucht so viel mehr, dein Geist braucht viel mehr.

TF: Die herkömmlichen Behandlungen haben ihren Platz, ich bin nicht gegen Chemo und ähnlichen Behandlungen, überhaupt nicht. Doch durch unsere eigenen Forschungen, durch Tests an mir selbst, haben wir erkannt, dass es so viele Ergänzungen gibt. Die Chemo wird wirkungsvoller, wenn sie beispielsweise durch „ABC“ ergänzt wird. Zum Beispiel der Ambrotose-Komplex, ein unglaubliches Produkt, doch niemand weiß etwas darüber. Wenn man das während der Chemo jeden Tag einnimmt, hilft es einem enorm. Wird dir so etwas von den Ärzten erzählt? Nein! Warum? Weil sie nichts davon wissen! Wir haben es nur gefunden, weil wir verzweifelt waren, weil wir geforscht haben. Oder Protocel, ein Produkt, das die Energie von Zellen reduziert und die Krebsbehandlung sehr positiv beeinflusst.

Wir haben experimentiert! Die komischsten Sachen ausprobiert, was spricht dagegen, warum nicht alles versuchen? Etwas testen – okay, das scheint nicht zu helfen, vergiss es, das Nächste ist dran.

GF: Weißt du, wenn die Ärzte sagen: „Es gibt keine Heilung“, dann geben sie zu, dass sie dir nicht helfen können. Was hast du also zu verlieren? Du kannst irgendetwas versuchen!

 

HD: Wie reagierten Freunde, Bekannte, die Gemeinschaft auf diesen Kampf?

GF: Das war auch eine interessante Erkenntnis auf unserer „Reise“. Da ist ein ganzes Netzwerk der Unterstützung um einen herum, weltweit. Wenn man sich genau umsieht, erkennt man, dass es immer hilfsbereite Menschen gibt, man ist niemals wirklich alleine! Wir wollen ein Produkt aus Amerika testen, wie bekommen wir das? Haben wir nicht einen Bekannten in Los Angeles? Der kennt wieder jemanden und schon bald ist das Produkt in Windhoek angekommen.

TF: In den letzten Jahren hatten wir viele Begegnungen mit ganz außerordentlichen Formen von Nächstenliebe. Menschen haben Dinge für mich getan, die mich sprachlos gemacht haben, die mich aufgewühlt haben. Es ist eine der fundamentalen Sachen, die wir erkannt haben, ich bin durch die Hilfsbereitschaft der Menschen viel demütiger geworden. Zum Beispiel jemand, der die Miete für mein Studio bezahlen will – Tony, nicht schließen, ich bezahle die Rechnung für dich!

GF: Oder als Tony das Bein gebrochen hatte, von dem Tag an war zwei Monate lang immer jemand bei mir, der geholfen hat. Einer ging, jemand anders kam, Unterstützung pur. Hilfe wurde überall angeboten, jemand, der Abendessen kocht, einen Kaffee mit mir trinkt usw.

TF: Ein Teller Sushi, der auf einmal im Krankenhaus ankommt, oder die Ausstellung, die von Freunden in Zusammenarbeit mit der National Art Gallery of Namibia zu meinen Gunsten organisiert wurde – da fehlen einem die Worte, es zeigt die Kraft der Gemeinschaft! Solche Gesten und Hilfen sind für immer in unseren Erinnerungen verankert. Danke!!!

 

HD: Jetzt zur anderen Seite: der Angst. Was sage ich zu jemanden, der Krebs hat?

TF: Da ist natürlich auch die ganze negative Energie, die mit Krebs verbunden ist. Etwas das auf gesellschaftlicher Ebene geändert werden muss, ähnlich wie bei HIV beziehungsweise Aids.

Wir hatten das durchaus auch. „Wir können Tony keine Aufträge mehr geben, der hat doch Krebs.“ Wie steht das im Verhältnis, was haben die beiden Dinge miteinander zu tun?

Man versucht alles so geheim wie möglich zu halten, denn man will die Gerüchteküche nicht ankurbeln.

Namibia ist so klein. Da ruft dich jemand an: „Hallo Tony, ich habe gehört, du bist fast gestorben!“

GF: Scheinbar war Tony nach Kapstadt geflogen um dort zu sterben.

TF: Diese Gerüchte versucht man natürlich zu vermeiden.

 

HD: Ganz klar, dass der Krebs ein Rieseneinschnitt in Ihrem Leben ist. Welche ganz allgemeinen Erkenntnisse über das Leben resultieren daraus?

TF: Heutzutage leben wir in einer „gehetzten Gesellschaft“, es macht uns unmenschlich. Mit den Medizinern sitzen wir alle im gleichen Boot, wir haben wenig oder gar keine Zeit! Wir rennen wie auf einem Hamsterrad immer im Kreis, denken, dass es irgendwo hin führt. Uns hat die Krankheit gestoppt. Ja, wir sind sozusagen vom Planeten gesprungen, in vielerlei Hinsicht. Wir mussten. Meine Heilung wurde ermöglicht, weil wir vom Planeten gesprungen sind, weil wir das Boot verlassen haben. Wir wollen nicht mehr in das blöde Boot, lass uns einen anderen Weg finden.

Es hat uns viel über das Leben gelehrt, es gibt keine Notwendigkeit für diese Raserei. Warum machen wir es trotzdem alle? Arbeit, Arbeit, Arbeit, wir sind so gefangen davon, es ist eine verrückte Welt!

GF: Ein Hamsterrad von Arbeit, Arbeit, Arbeit und schnell, schnell, schnell! Erst wenn dich auf einmal etwas Schlimmes trifft, hörst du auf. Wir sehen es um uns herum: Bekannte, Freunde, alle sind im gleichen Rennen! Wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht! Weiter, weiter, weiter, wir dürfen nicht anhalten, es gibt keinen anderen Weg!

Bis du zum Anhalten gezwungen wirst, du denkst dir dann „es muss einen anderen Weg geben!“ Es ist sehr beängstigend! Es ist voller Risiken, Risiken die du nicht eingehen möchtest!

 

HD: Das kann ich gut nachempfinden, etwa die Angst „was aber, wenn es nicht geht“? Diese Angst, sich zu verlieren. Andererseits, sind wir nicht in dem Hamsterrad verloren?

GF: Wir wollen immer alle die Punkte verbinden, sicher sein, was das Resultat sein wird. Bis wir erkennen, dass wir in Wirklichkeit nicht alle Punkte verbinden können, dass wir manchmal über den Abgrund steigen müssen, ins Unbekannte, und dass wir Vertrauen brauchen, dass es irgendwie funktionieren wird.

Langsam aber sicher, mit vielen Tritten vom Universum oder wie auch immer du es nennen willst, wurde uns diese Lehre vermittelt. Ja, ich kann ins Unbekannte springen, ich muss darauf vertrauen, dass es irgendwie klappen wird. Du musst aktiv werden, du kannst nicht auf dem Sofa liegen und rufen: „Heile mich!“

Auch wenn du nicht willst, musst du losgehen, dich auf den dunklen Weg begeben, bis du merkst: „oh, es ist ja gar nicht so dunkel!“ So wächst das Vertrauen, wieder und wieder über den Abgrund zu gehen.

 

HD: Also lernt man…

GF: Ja, aber auf eine sehr harte Art und Weise!! Warum muss man immer auf so eine harte Weise lernen?? Ich will auf einfache Weise lernen …

 

HD: Es ist das Hamsterrad, wenn du da drin bist, bist du überzeugt, dass du nichts dazu zu lernen brauchst, dass du gerade das Wichtigste im Leben machst.

TF: Es ist ein cooles Rad!

 

HD: Es dreht sich doch so schön!

GF: Ich identifiziere mich mit dem Rad, wie kann ich es verlassen?

 

HD: Tony, Sie haben ein YouTube-Video von Stephen Fry auf ihrem Facebook Profil. Dort stellt Fry Gott schwierige Fragen. Reflektiert das Ihren Kampf mit der Frage „Warum ich?“

TF: Ich habe eine Weile mit dem „Warum ich“ gekämpft, habe es dann aber aufgegeben.

Weißt du Heiko, nach der Beinoperation lag ich hier auf dem Sofa, ich hatte Menschen um mich, meine Freunde waren hier. Überall war Hilfe, ich aber fühlte mich total hilflos. Ich dachte mir: „Das ist nicht mein Leben, das kann nicht mein Leben sein. Hier auf dem Sofa liegen, das blöde Fernsehen anglotzen, am Computer arbeiten, von anderen bedient werden. Alles muss für mich gemacht werden, abhängig für den Rest meines Lebens!“ Ich saß da und habe geheult! Es konnte nicht so sein, das konnte nicht mein Leben sein! Also musste etwas Anderes her. Ich dachte bei mir: „Wenn es nicht so sein soll, wie soll es dann sein, entscheide selbst, wie es sein soll! Und als Erstes werde ich wieder laufen – das ist sicher!“

Mit anderen Worten, es ist schon lange nicht mehr „Warum ich?”, sondern „Wie gehe ich es erfolgreich an“. Ich habe Pläne, viele Pläne für mein weiteres Leben.

GF: Neue Pläne jeden Tag, mit Tony muss man flexibel sein.

TF: Das ist, was mich am Leben hält!

HD: Tony und Gabi, es war super mit Ihnen über Ihr Leben zu sprechen. Mehr noch, es ist eine absolute Inspiration für mich zu sehen, wie Sie die Herausforderung dieser schweren Krankheit angepackt haben! Weiter so und viel Erfolg mit Ihren Plänen!

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Liebe Leserinnen und Leser

Lieber Dieter,

so plötzlich bist du aus dem Leben geschieden, dass Du leider nicht mehr die angefangene 19. Ausgabe der Felsgraffiti mit uns fertig gestalten konntest.
Wie wird es ohne Dich weitergehen?
Du und die anderen Gründungsmitglieder der Felsgraffiti sahen es als die Hauptaufgabe der Zeitschrift, den Teilnehmern der Schreibwerkstätten und anderen Schreibfreudigen eine Plattform zur Veröffentlichung ihrer Texte zu bieten.

„Liebe Leserinnen und Leser“ weiterlesen

Drei Buchstaben können glücklich machen

Kirsten Kraft

 

Ich rannte zwei Stufen auf einmal die Treppen hinunter, riss die Tür auf, hechtete durch meinen kleinen Garten in Frankfurt/Schwanheim und konnte am Tor gar nicht schnell genug den Schlüssel ins Schloss vom Briefkasten stecken. Mein Herz pochte wie wild, als ich in das Fach schaute. Zwischen weißen Umschlägen und Reklamezetteln schimmerte der rot/blaugestreifte Rand eines Luftpostbriefumschlags hervor. Erfreut holte ich tief Luft. Endlich! Endlich, wieder eine Nachricht von Zuhause. Das empfundene Glücksgefühl ließ augenblicklich mein Heimweh nach „Südwestafrika“ schwinden. In diesem Moment hatte ich das Liebste was es gibt in der Hand: Tinte auf leichtem Luftpostpapier! So wie ich den Umschlag an mich drückte, vernahm ich die Amsel, die plötzlich viel deutlicher zu singen schien und auch die Sonnenstrahlen waren durch die graue Nebeldecke zu spüren. Ich schnupperte am Umschlag und ließ meiner Fantasie freien Lauf. Roch er nicht genau wie das Sauergrass im Veld nach einem Regenschauer? Oder ist es doch der Geruch der Kameldornschote vom Baum in unserem Garten?

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Namibian Flowers

Barbara Kahler

 

Sie hängen an der Bäume Zweige,
sind meistens weiß, vielleicht auch rot
ihr Vorrat geht scheint‘s nie zur Neige
ist das Geäst auch mausetot.

Kein Wachstum kommt aus diesem Holz,
und keine Frucht wird je getragen
doch sind sie wohl der Wirtschaft Stolz,
die Knospe liegt im Einkaufswagen.

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Igel und Hase in Namibia

Oder Deutsche Sippen im Südwesten Afrikas

Namibia ist das Land der Sippen. Zwar ist das Wort „Sippe“ politisch nicht korrekt. Aber das Verschweigen eines Phänomens oder das Umschreiben desselben lässt dieses nicht einfach verschwinden. Volksgruppe, Sprachgruppe oder „tribe“ oder „clan“ sind Ordnungskriterien, die in einem multikulturellen Land wie Namibia zur eigenen Standortbestimmung und zur Orientierung beitragen. Auch wenn sie es nicht dürfen. Sie gehören zum Kleingedruckten, also Unleserlichen der Identitätsbeschreibung, selbst wenn diese auf einige Entfernung durch die Sprache und meist auch die Hautpigmentierung erkennbar ist.

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Loslassen?

Birgit Stefanie Hoffmann

Vergnügt lachen wir zusammen. Hören unser Lieblingslied rauf und runter. Singen dabei aus voller Inbrust schief und krumm mit. Genießen die Aussicht auf die unterschiedlichen Landschaften, an denen wir vorbeifahren. Große, freie Flächen, auf denen sich Zebras, Springböcke, Oryx und ab und zu auch Kudus tummeln. Verschlungene Bergketten, die weit über den Horizont hinausreichen. Diese Fahrt, der perfekte Abschluss unserer Flitterwochen durch das einzigartige Land Namibia. Wundervolle Momente, die sich alle zu einem großen, perfekten Bild zusammenfügen. Es dämmert bereits und bald sollten wir unsere letzte Lodge erreicht haben. Doch diesen Ort würden wir niemals betreten. In einem kleinen Moment der Unachtsamkeit, wo ich ihm einen verliebten Blick zuwerfe, springt urplötzlich ein Kudu auf die Straße.
Schweißgebadet wache ich auf. Liege zerschmettert im Bett. Bekomme kaum noch Luft. Schockiert über die Bilder, die sich nicht aus meinem Kopf entfernen lassen. Tief eingebrannte Wunden. Dieser sich wiederholende Traum, der immer genau an dieser Stelle endet, von dem ich nichtsdestotrotz nur allzu gut das Ende kenne. Der Unfall, den der Kudu nicht überlebte. Ebensowenig wie meine große Liebe. Ich bin in dieser Zeitblase gefangen. Kann und will mich nicht von ihr lösen. Ich hatte gerade alles gewonnen und nur allzuschnelll wieder verloren. Sie sagen, dass er sich nun an einem besseren Ort befindet. Dass es ihm dort gut geht. Doch irgendwie kann ich das nicht glauben. Es ist einfach alles zu real und dann doch wieder wie in einem Traum. Ich nehme alles nur noch durch einen Schleier der Trauer wahr. Dieses ganze Blut. Ich höre sie noch, die letzten geflüsterten Worte. „Es ist alles nicht so schlimm. Ich liebe dich.“ Danach schlossen sich seine Augen und würden dies auch für die Ewigkeit bleiben. In diesem Moment wurde es pechschwarze Nacht. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Nur, dass ich mit hämmernden Kopfschmerzen im Krankenhaus aufwachte. Um mich herum ein Meer aus brennenden Kerzen und Blumen. Und dann schlugen mir meine letzten Erinnnerungen wie ein Schlag ins Gesicht. Meine Freunde und Familie haben versucht, mich so gut es geht zu unterstützen, doch es half alles nicht. Ihre übertriebene Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft machte mich schier verrückt. Es wurden keine Witze mehr gemacht, die Luft knisterte vor Spannung. Nach einiger Zeit haben auch die letzten endlich die Botschaft bekommen, dass ich Zeit für mich brauche, um alles zu verarbeiten, und haben etwas Abstand von mir genommen.
Jeder Tag ist aufs Neue eine Probe meiner Willensstärke. Mal ist der immerzu anwesende Schmerz zu ertragen. Ich versuche an jedem Tag irgendwas Positives zu sehen. Mich an der Natur zu erfreuen, die uns beide verband. An solchen Tagen gelingt mir das meist. Doch an anderen Tagen schaff ich‘s einfach nicht. Die klaffende Wunde in meinem Herzen blutet dann besonders stark und ich kann mich nicht mal dazu aufraffen aufzustehen, geschweige denn irgendwas ansatzweise Sinnvolles mit meinem Tag anzufangen. Ich beschließe, mir eine Auszeit zu gönnen. An den Ort des Unfalls zurückzukehren, um einen Abschluss zu finden. Doch will ich nicht fahren. Die Angst ist einfach zu groß und ich bin definitiv noch nicht bereit dazu, mich ihr zu stellen. Stattdessen beschieße ich zu fliegen, chartere mir ein Flugzeug mit Pilot. Ich will mir eine neue Perspektive verschaffen. Zusammen fliegen wir über die unterschiedlichen Landschaften. Aus der Luft hat alles noch so viel breitere Facetten.
Wir erreichen unsere Lodge, die keine zehn Kilometer von der Unfallstelle entfernt liegt. Früh am nächsten Morgen mache ich mich alleine zu Fuß auf den Weg. Marschiere zu Beginn munter drauflos, versuche zu verdrängen, was mich erwartet. Doch als ich an einem alten Kameldornbaum vorbeikomme, durchstößt ein Messer meine Herzkammer, zerstört den letzten heilen Rest in mir. Unter so einem Baum hatten wir unsere erste Nacht zusammen verbracht. Mir wird bewusst, wie endgültig dieser Unfall für mein Leben ist. Ich zerbreche, rolle mich heulend auf dem Boden zusammen und beschließe, nie wieder aufzustehen.
Auf einmal erwache ich von einem lauten Motorengeräusch. Es dämmert bereits, ich muss eingeschlafen sein. Der Pilot steigt aus dem alten Land Rover aus und nimmt mich, ohne was zu sagen, einfach in den Arm. Er kennt meine Geschichte nicht, aber gerade das empfinde ich als tröstlich. Irgendwas an seiner Ausstrahlung zeigt mir, dass er ein ähnliches Schicksal wie ich durchlebt haben muss. Nach einer Weile lösen wir uns aus der Umarmung. Er drückt meine Hand, steigt zurück in den Wagen und wartet, bis ich mich wieder einigermaßen gefangen habe. Eine Welle von Mut durchströmt mich. Ohne nachzudenken steige ich in den Wagen ein, verlasse mich einfach auf mein zerstückeltes Herz, und wir fahren gemeinsam zur Unfallstelle.

„Ich liebe es zu töten”

Hemingway und die Jagd

Wenn ich nicht so viel Zeit damit verbracht hätte, auf Vögel und Großwild zu schießen, hätte ich möglicherweise auf mich selbst geschossen“. Als Hemingway diesen schicksalhaften Satz formulierte, ahnte er womöglich bereits, dass es so kommen würde, denn er, der sonst vor nichts Angst hatte, fürchtete die Dämonen, die in seinem Inneren hausten. Um sie zu bändigen, trank er. 1961 war es soweit, dass auch der Alkohol nicht mehr half. Am 2. Juli war die Sonne gerade über den Bergen von Sun Valley in Idaho aufgegangen, als er auf das letzte erlegbare Tier anlegte, auf das es sich lohnte zu schießen – sich selbst.

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